T 54

Francesco  Antonio  Valotti,  1754

Franz Josef Ratte: Temperierungspraktiken im süddeutschen Orgelbau, 1990

Der Paduaner Kirchenmusiker Francesco Antonio Valotti beschäftigt sich im zweiten, nur im Manuskript überlieferten Teil seines Traktates Della scienza teorica e pratica della moderna musica auch mit Temperaturfragen und „setzt sich für eine Temperatur ein, bei der >die sechs diatonischen Quinten jeweils um 1/6 Komma verringert werden<, während >jene Quinten innerhalb der kurzen Tasten als reines Intervall< gestimmt werden sollten ... Valotti erhält fünf verschieden große Werte für die Terzen; am saubersten sind die häufig gebrauchten Terzen auf c, f und g, während die Terzen auf cis, fis und h als pythagoreische am schlechtesten ausfallen.“ (Seite 405)

Das pythagoreische Komma wird für diese musikalische Temperatur gleichmäßig auf alle sechs Quinten der diatonischen Hälfte des Quintenzirkels verteilt. Diese Verteilung der um je 1/6 pK (umgerechnet 3.910 cent) -verkleinerten Quinten hat ihr Pendant hat in der Temperatur "Elfte Temperatur Marpurg" (siehe T 11), in der alle sechs Quinten der chromatischen Hälfte des Quintenzirkels in derselben Weise vermindert sind, während dort jene in der diatonischen Hälfte rein bleiben.

Auch die Darstellung im Tabellenteil weist aus, dass das pythagoreische Komma gleichmäßig auf die sechs Quinten f-c-g-d-a-e-h im diatonischen Teil des Quintenzirkels verteilt wird, während die sechs Quinten h-fis-cis-gis-es-b-f im chromatischen Teil des Zirkels rein bleiben.

Helmut K.H. Lange:

Ein Beitrag zur Musikalischen Temperatur der Musikinstrumente, 1968

Bei Lange, Seite 494 (Text) und Seite 496 (Tabellen) wird eine Temperatur beschrieben, in der ebenfalls im diatonischen Teil des Quintenzirkels das pythagoreische Komma gleichmäßig auf sechs nebeneinander liegende Quinten verteilt ist, jedoch nicht zwischen f und h, sondern um eine Quinte verschoben zwischen c und fis: „Sechsteilung des pythagoreischen Kommas – Thomas Young“ (siehe T 23).

Hans-Joachim Schugk,

Praxis barocker Stimmungen und ihre theoretischen Grundlagen, 1980

Schugk beschreibt eine Entwicklung von der pythagoreischen Stimmung (mit ungeteilter Kompensierung des pythagoreischen Kommas in einer einzigen Quinte des Quintenzirkels) zur gleichschwebend temperierten Stimmung durch zunehmende Teilung des pythagoreischen Kommas in (zwei, drei ... bis zwölf) gleiche Teile. Unter der Überschrift: „Die Sechsteilung – Valotti (1754)“ ist vermerkt (Seite 51): „Sechs Quinten tragen bei Valotti jeweils den sechsten Teil des Pythagoreischen Kommas. Im Quintenzirkel liegen alle nebeneinander zwischen F und H.“

Ebenfalls mit einer Sechsteilung des pythagoreischen Kommas, jedoch anders verteilt auf die Quinten im Quintenzirkel nennt Schugk die Temperatur „Barnes, 1977“ (siehe T 42).Mit einer Siebenteilung „Lambert, 1774“ (siehe T 43) und einer Achtteilung „Barnes, 1971“ (siehe T 44) des pythagoreischen Kommas zeigt Schugk zwei weitere Valotti-vergleichbare Intervallverteilungen.

Wolfgang Theodor Meister: Die Orgelstimmung in Italien und Süddeutschland, 1991

"Valotti ... verteilte das Komma auf die sechs diatonischen Quinten und beließ die übrigen Quinten rein, wobei er nicht sagt, welches Komma er meint. Da Valotti das Schisma in diesem Zusammenhang nicht erwähnt, scheint er die Sechsteilung des pythagoreischen Kommas intendiert zu haben." Giuseppe Tartini bevorzugte Valottis eigene Stimmung, die Verteilung des sechgesteilten pythagoreischen Kommas auf die sechs diatonischen Quinten, „nicht zuletzt wegen ihrer Tonartencharakteristik“, Padre Alessandro Barca „hielt 1783 Valottis Stimmung für die am meisten verbreitete und >nach allgemeiner Meinung die allervollkommenste< Temperatur.“ (Seite 59/60).

Manfred Tessmer: Wie war Bachs Wohltemperirtes Clavier gestimmt, 1994

Bei der Temperatur „Erste Temperatur von Thomas Young, 1800“ (siehe T 95) werden nicht sechs Quinten f bis h in der diatonischen Hälfte um je 1/6 des pythagoreischen Kommas gemindert wie bei „Valotti“, sondern nur die vier Quinten c bis e. Statt der Minderung der beiden Quinten f-c und e-h um je 1/6 pK werden in den Quintenpaaren b-f-c und e-h-fis vier Quinten um je 1/12 pK verkleinert. Die „Temperatur Th.Young, 1800“ ist demnach eine Modifikation der „Temperatur Valotti“.

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Mit der gleichmäßigen Verteilung des pythagoreischen Kommas im diatonischen Bereich des Quintenzirkels haben die Temperaturen „Valotti“ und „Young“ nicht nur das charakteristische Merkmal des „Stimmtyp wohltemperiert“, diese Temperaturen können als die Referenztemperaturen dieses Stimmtypes genommen werden.